Beckenrand-Sheriff-Team

Rosenmüller: „Beckenrand Sheriff“ kämpft für seine Heimat

Immer wieder kehrt Marcus H. Rosenmüller zurück in die Oberpfalz, zuletzt drehte er „Beckenrand Sheriff“ im Pleysteiner Freibad. Zum Kinostart am 9. September haben wir mit dem Regisseur über Badpommes, Gianna Nannini, die Oberpfalz und wofür es sich zu kämpfen lohnt, gesprochen. 

„Servus, da ist der Rosi! Gfrei mi, dass mir uns etz unterhalten derfen,“ sagt er zu mir, als ich den Anruf mit der unbekannten Nummer annehme. Er, ist der, der mich schon als junge Möchtegern-Filmemacherin mit seinen Werken geprägt hat. Der, der mit seinen Coming-of-Age-Streifen ein kollektives Gefühl in Bilder gefasst hat. Eine nostalgisch geladene Emotion, die einen immer wieder an die gute alte Zeit in der Dorf-Disco oder den Ausbruch aus der hemischen Provinz erinnert, die man nur zu gut kennt und nur dann richtig, wenn man in einer bayerischen Kleinstadt aufgewachsen ist: Marcus H. Rosenmüller.

Weder mein Filmstudium in Berlin, noch mein Bewerbungskurs an der Filmhochschule in München und auch kein Auftrag eines großen überregionalen Verlags haben Marcus H. Rosenmüller und mich zu diesem Interview zusammengebracht. Es war viel einfacher, es war die Oberpfalz.

Marcus H. Rosenmüller ist ein Oberpfalz-Rückkehrer. Nicht im klassisch Sinne, sondern im beruflichen. Denn seine Drehorte findet der Münchner Regisseur immer wieder in der Region und Oberpfälzer Schauspieler:innen gehören zu seinem Team.

Regisseur Marcus H. Rosenmüller (rechts) mit seinem Beckenrand-Sheriff Milan Peschel.

So besetzte er etwa die Coming-of-Age-Trilogie Beste Zeit, Beste Gegend und Beste Chance mit der Schwandorfer Schauspielerin Anna-Maria Sturm und drehte für den Kinderfilm Die Perlmutterfarbe in der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg. In seiner Komödie Wer’s glaubt, wird selig wird Kastl im Landkreis Amberg-Sulzbach zu dem fiktiven Skiort Hollerbach, Teile des Thurn-und-Taxis-Schlosses zum Inneren des Vatikans. „Die Kombi in der Oberpfalz ist klasse: Wir finden immer die passenden Drehorte und die Menschen hier sind super hilfsbereit“, sagt der Regisseur, der die Oberpfalz auch privat schätzt: „Immer wenn ich da bin, schwärme ich davon, wie schön die Landschaft und auch die Städte hier sind. Manchmal bin ich sogar etwas neidisch auf die Oberpfälzer:innen, die hier leben dürfen. Wenn ich nicht mit meiner Arbeit in der Filmstadt München verwurzelt wäre, wer weiß?“

Die beiden Beckenrand Sheriffs Karl (Milan Peschel) und Sali (Dimitri Abold).

Für sein neuestes Werk Beckenrand Sheriff kehrte Rosenmüller  nun zurück in die Oberpfalz. In dieser Komödie mit Tiefgang  will ein schrulliger Schwimmmeister gemeinsam mit seinem Angestellten aus Nigeria, dem Nichtschwimmer Sali, und weiteren Underdogs das Freibad vor der Gentrifizierung retten. Das perfekte Freibad-Setting fand der Filmemacher in Pleystein im Landkreis Neustadt an der Waldnaab.

Mit viel Charme und räumlichen Begebenheiten, die perfekt ins Drehkonzept passten: So setzte sich das Freibad in Pleystein gegen 49 andere Bäder durch.

„Bei dem Bad stimmte einfach alles. Es hat Charme, die räumlichen Gegebenheiten passten perfekt in unser Drehkonzept, es hatte die richtige Größe und die Leute dort sind einfach großartig – vom Bürgermeister bis zum Schwimmmeister, einfach alle“, schwärmt Rosenmüller vom Zusammenhalt der Pleysteiner.  Auf die Frage, ob man so ein Bad nicht überall in Bayern hätte finden können, erwidert er bestimmt: „Nein, eben nicht!“ Über 50 Freibäder habe er mit seinem Team besichtigt, lediglich drei bis vier hätten es überhaupt in die engere Auswahl geschafft.

Wasserball mit Schwimmflügel? Wer kann, der kann! Und Sali kann spielen, nur eben nicht schwimmen...

Wie immer ist der Ort ausschlaggebend für die Erzählweise von Rosenmüller: Denn auch in diesem Werk schafft der Regisseur ganz subtil ein Gefühl der kollektiven Identität. Nostalgie schwingt bei jedem Sprung vom Einser mit. Doch im Gegensatz zu vielen seiner anderen Filme generiert er diese nicht durch ein explizit bayerisches Lebensgefühl, sondern eben durch das Freibad. Dieser Ort der Begegnung wird hier zum Sehnsuchtsort.

Was der Italo-Pop-Song mit mir macht? Er erinnert mich daran, dass das Oberpfälzer Freibad auch irgendwie Riviera sein kann.Marcus H. Rosenmüller

Dazu trägt schon der Italo-Pop-Song im Intro bei, der ab dem ersten Ton Bilder von längst vergangenen Familienurlauben in Riccione oder Rimini malt, von rot-weiß-karierten Tischdecken und Bum-Bum-Eis. „Italienische Songs erinnern mich an früher, solche Lieder, auch Gianna Nanni, liefen damals im Freibadradio“, sagt der Regisseur und bekennender Fan von Badpommes Rot-Weiß. „Außerdem wollte ich von Anfang an das Internationale im Film integrieren und den Gedanken schaffen, dass das bayerische Freibad auch immer irgendwie Riviera sein kann.“

Dr. Rieger (Rick Kavanian) und sein Nemesis: der 5-Meter-Turm.

Alles Bilder aus einer längst vergangenen Zeit, in der es die Freibäder einfacher hatten als heute. Denn das Thema, das auch den Beckenrand Sheriff filmisch vorantreibt, ist heute aktuell: Freibäder sind eine kostspielige Angelegenheit, Eintrittsgelder selbst decken nur einen Teil der Kosten, Kommunen fehlt oftmals das Geld für die Instandhaltung – und entscheiden sich deshalb für lukrativere Projekte. Wie es auch im Beckenrand Sheriff der Fall ist, denn das Freibad soll platt gemacht werden, damit dort Luxuswohnungen gebaut werden können.

Wir dürfen unsere Heimat nicht verkaufen!Marcus H. Rosenmüller

„Ich liebe das Freibad wirklich. Ich kann dort abschalten, weil es lebendig und quirlig ist. Die Leute ratschen, der Bademeister schreit und die Kinder kreischen. Das sind die schönsten Geräusche der Welt, wenn die Leute miteinander eine Gaudi haben und zusammenkommen“, meint Rosenmüller und verweist darauf, dass das Freibad ein Ort der Begegnung für jede Kommune  sei. „Und diesen Ort muss man bezahlen können. Das muss man sich als Gemeinde einfach leisten können.“

Milan Peschel, Gisela Schneeberger und Sebastian Bezzel beim Dreh im Freibad Pleystein.

Für Freibad und gegen Luxuswohnungen  kämpfen die Figuren im Film. Für was würde Marcus H. Rosenmüller kämpfen? „Wir dürfen unsere Heimat nicht verkaufen. Es ist eine Schande wie unsere Orte teilweise verschandelt werden, und nur weil irgendetwas lukrativer sein soll, als etwas anderes. Aber was ist denn lukrativ? Für wen ist etwas lukrativ? Für wen rentiert sich etwas?“ Zufriedenheit werde nicht dadurch hergestellt, dass alles lukrativer wird, so Rosenmüller weiter. „Wohl fühlt man sich, wenn man die Leute kennt und es zu Begegnungen kommt.“

Ertappt. Bei Lisa (Sarah Mahita) und Sali (Dimitri Abold) knistert es gewaltig.

„Freundschaft ist wie Heimat!“ Diese Aussage von Kurt Tucholsky wird nicht nur im Film zitiert, sondern schwebt omnipräsent in jeder Sequenz über dem ganzen Werk. „Da müssen wir wieder hin“, sagt Rosenmüller, „dass man zusammenkommt in Vereinen oder Wirtshäusern wie eben in der Oberpfalz, dass die Leute sich wieder kennenlernen. Dann werden auch Fragen hinfällig, ob wir uns leisten können, jemanden in Deutschland aufzunehmen oder nicht. Denn dann geht es wieder um die Menschen und nicht darum, was am lukrativsten ist.“

Beckenrand Sheriff

Inhalt: Der notorisch schlecht gelaunte Karl Kruse (Milan Peschel) ist der Bademeister des Freibads von Grubberg. Der Bürgermeisterin (Gisela Schneeberger) ist das Bad ein Dorn im Auge, am liebsten würde sie es schließen. Prompt wittert der Baulöwe Dengler (Sebastian Bezzel) eine Chance, an billigen Baugrund für teure Wohnungen zu gelangen. Um sein geliebtes Freibad zu retten, ruft er ein Bürgerbegehren ins Leben. Karls einziger echter Verbündeter ist der nigerianische Flüchtling und Bademeister-Azubi Sali (Dimitri Abold), der allerdings von einer Weiterreise nach Kanada träumt. Diesem Plan wiederum kommen seine Gefühle für die Ex-Profi-Schwimmerin Lisa (Sarah Mahita) in die Quere.

Marcus H. Rosenmüller

Marcus H. Rosenmüller, geboren in Tegernsee, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Sein Kinofilm Wer früher stirbt, ist länger tot aus dem Jahr 2006 gewann u. a. den Förderpreis Deutscher Film, den Deutschen Filmpreis in den Kategorien Regie und Drehbuch sowie den Bayerischen Filmpreis in der Kategorie Beste Nachwuchsregie. Seitdem drehte er zahlreiche Kinofilme. Von 2013 bis 2017 inszenierte er das Nockherberg-Singspiel in München. 2014 erhielt er die Bayerische Verfassungsmedaille in Silber. Seit 2020 leitet er gemeinsam mit Julia von Heinz den Studiengang Regie/Kino und Fernsehfilm der Hochschule für Fernsehen und Film München.

Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt – und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen. Beides gehört glücklicherweise auch beim Oberpfalz Marketing zu ihren Hauptaufgaben. Das nennt man dann wohl eine Win-Win-Situation.