Am besten zaubert es sich in Bärnau: Für Marco Knott ist die Oberpfalz magisch

Gelacht, geweint oder vor Aufregung das Popcorn verschüttet: Je nach Film glich ein Besuch im Bärnauer Kino nicht selten einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Die endete jäh als die Institution schließen musste. Doch dann kehrt Zauberer Marco Knott zurück in die Heimat, um dem alten Lichtspielhaus ein emotionales Happy End zu bescheren …

"Wie der Kinopionier Georges Méliès schon wusste: Kino ist Zauberei. Zauberei ist Illusion und beides erzeugt echte Emotionen", sagt Marco Knott – ohne dabei aufzuschauen. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt einem Bauplan, der zwischen allerlei Schrauben, Kabeln und Stiften auf dem Tapeziertisch vor ihm liegt. Dann hebt er scheinbar plötzlich den Kopf, blickt durch seine dunkelgerahmte Brille in den leeren Raum und spricht: "Genau das werde ich hier, in meinem Magischen Schlosstheater, auch tun. Emotionen erzeugen und für unvergessliche Augenblicke sorgen, denn nur darum geht es im Leben." Stille. Dann grinst der Mann, der vor knapp 25 Jahren bei einem Profizauberer aus Bern in die Lehre ging, fährt sich durch die dunklen Locken und fügt hinzu: "So ist zumindest der Plan."


Seit über einem Jahr baut der hauptberufliche Zauberer Marco in Eigenregie das Kino seines Großvaters Josef Fehr zum Magischen Schlosstheater um. "Wo wir jetzt stehen, war früher der Saal, da die Leinwand. Dort habe ich als Bub Karten abgerissen und da hinten Süßigkeiten verkauft“, erklärt der 37-Jährige und zeigt bei jeder Kindheitserinnerung in eine andere Richtung. "Ich war schon als kleines Kind voll in unseren Familienbetrieb integriert. Dieser Ort war schon immer irgendwie etwas Besonderes für mich. Vielleicht sogar magisch."

Sein Großvater Josef Fehr hatte 1956 ein Wanderkino im Ort besucht und noch am selben Abend den Entschluss gefasst: "Ich baue ein Kino in Bärnau!" – so besagt es die Knottsche Familienlegende. Keine zwei Jahre später eröffnete er das Schlosstheater. "Mein Opa war ein Macher und hatte eine große Vision. Er war fasziniert von der Magie der Bilder. Warum sonst eröffnet man in einer Stadt mit gerade mal 3000 Einwohnern ein Kino?"

Die Zauberei ist eng mit dem Kino verbunden: Bevor die Gebrüder Lumière mit der Erfindung des Kinematographen den Film auf die Leinwand brachten, waren es Schausteller auf Jahrmärkten, die neben allerlei Kuriositäten auch die wunderbarsten optischen Täuschungen präsentierten. Die ersten kurzen Filmvorführungen Ende des 19. Jahrhunderts wurden von Kritikern teils sogar als "Zauberei" oder gar "Teufelswerk" beschrieben.  

Ein Schicksalsschlag bringt Marco zurück

1990 musste das kleine Kino in Bärnau trotzdem wenig zauberhaft schließen, den großen modernen Konzernen weichen. Doch jetzt erwacht es mit Marco und seiner Idee zu neuem Leben. Der Berufszauberer hat sich mit dem Magischen Schlosstheater nicht nur einen Traum erfüllt, sondern auch hohe Ziele gesteckt: "Das soll europaweit einmalig werden."

Das alte stillgelegte Kino wird zum Zaubertheater. Dort will er neben einem Standardprogramm auch verschiedene neue Konzepte ausprobieren: vom magischen Wochenende mit dem Geschichtspark bis zur magischen Zoigl-Verkostung.

"Ich will noch nicht zu viel verraten", sagt er und wendet sich wieder dem Bauplan auf dem Tisch zu. Dann blickt er nochmal kurz auf: "Klar ist aber, dass ich dem Publikum magische Momente bescheren möchte, die sie nie wieder vergessen. Und das war einer der Gründe, warum ich aus Nürnberg wieder in die Oberpfalz kam." Aber es war ein persönlicher Schicksalschlag, der Marco zurück in die Heimat gezogen hat und der seinen Traum von der Profizauberei Wirklichkeit werden ließ. Dieser brachte ihn zum Entschluss: "Von nun an mache ich nur noch das, was ich wirklich will und verwirkliche endlich meine Träume." Dazu gehörte zum einen die Zauberei, zum anderen – nach 16 Jahren – die Rückkehr in die Oberpfalz.

Gesagt, getan: Tausendsassa Marco – immerhin lassen über 80 Aus- und Weiterbildungen die Vita des ehemaligen Soldaten außergewöhlich lang werden – kündigte seinen Job als Wirtschaftsingenieur und widemt sich beruflich voll und ganz der Magie. "Meine Eltern waren wirklich super, die haben mich voll unterstützt", sagt er und grinst. "Das ist ja auch nicht selbstverständlich, wenn einem der eigene Sohn sagt: ,Übrigens, ich habe beschlossen hauptberuflich Zauberer zu werden!'." Doch Marco startete nicht ohne Plan in das Abenteuer "Profi-Magie": Er hatte sich in den vergangenen Jahren bereits einen festen Kundenstamm aufgebaut und Termine für die kommenden zwei Jahre verbucht.

Die Magie des Alltags

Ihm war klar, dass er nicht in Nürnberg bleiben wollte und auch nicht wieder nach München gehen würde: "Das war schon ganz nett für die Zeit. Aber ich wollte wieder in der Nähe der Menschen leben, die mir wirklich wichtig sind. Und das ist meine Familie." Also zieht Marco samt neuer Selbständigkeit zurück in die Oberpfalz. "In den 16 Jahren, die ich außerhalb der Oberpfalz lebte, habe ich nur wenig von meinen Eltern oder meiner Schwester mitbekommen. Das wollte ich ändern, ich wollte den Alltag mit ihnen wieder erleben. Genau da spürst Du die magischen Momente und Emotionen, die das Leben zu dem machen, was es ist."

Magie verspürt der Naturfan Marco auch, wenn er frühmorgens durch den Bärnauer Forst spaziert und stundenlang keinen Menschen trifft. "Wie habe ich die Wälder hier vermisst", sagt er. "Wir haben in der Oberpfalz eine einmalige Kombination aus Natur und Ruhe, sowie lokale Urbanität, gepaart mit der Nähe zur Großstadt München." Er habe auch festgestellt, dass die Region generell attraktiver für junge Leute geworden sei – "und dass bei erschwinglichen Immobilienpreisen". Weiden etwa habe beim Kulturangebot einen großen Satz nach vorne gemacht. Deshalb habe er auch kurz überlegt, sein Zaubertheater in Weiden statt in Bärnau zu eröffnen. Dort sei die Autobahnanbindung besser und sicher auch die Laufkundschaft, denn die gehe in Bärnau gegen Null.

"Ich habe sogar Pro- & Contra-Listen erstellt, aber die hätte ich mir auch sparen können. Eigentlich war völlig klar, dass ich zurück nach Bärnau kommen würde und unsere Familientradition fortführen werde." Er blickt sich in dem Saal um, in welchem einst Blockbuster über die Leinwand flimmerten und das Rattern des Projektors von einem Kino aus längst vergangenen Zeiten erzählte. "Hier ist ein magischer Ort, der perfekt war für die Filmleidenschaft meines Opas und nun perfekt wird für meine Zauberei."

Gandalf ist auch nur ein alter Mann mit Rauschebart

Während Marco von seiner Entscheidung erzählt, spielen seine Finger ständig mit einer Münze oder einer Spielkarte. "Ich merke das gar nicht mehr", sagt der Zauberer und zuckt mit den Schultern. "Ich habe stets etwas in der Tasche, damit ich auch einfach zwischendurch meine Fingerfertigkeit trainieren kann. Manche daddeln am Handy, ich mit Zauberrequisiten."

Fingerfertigkeit sei, neben Ablenkung und Psychologie, einer der drei Grundpfeiler der Magie. "Mit diesen drei Faktoren kannst Du Wunder entstehen lassen", sagt der Mann, der in lokalen Berichten oftmals in einem Atemzug mit Harry Potter genannt wird. Dabei hat er die beliebte Bücher von J.K. Rowling weder gelesen, noch einen der Filme gesehen. Harry Potter sei nämlich gar nicht sein Ding und der große Gandalf aus Herr der Ringe ist "halt ein alter Mann mit weißem Rauschebart und Stock". "Das sind alles erfundene Figuren. Die sind ja auch spannend, aber nichts für mich. Ich bin lieber ich. Auf der Bühne so wie im echten Leben." Er überlegt kurz: "Vielleicht ist das auch etwas typisch Oberpfälzisches, dieser Hang oder Drang zur Authentizität."

Später hängt Marco seinen grauen Blaumann an den Haken. Hand in Hand mit seiner Freundin spaziert er durch die Wälder Bärnaus. Hier grübelt er nochmal über magische Orte nach. Die Oberpfalz sei für ihn ein magischer Ort, weil er dort aufgewachsen ist und er mit keinem anderen Ort auf der Welt so viele Emotionen verbindet, wie mit der Heimat. Denn Emotionen seien Magie. Dann lächelt, küsst seine Freundin und flüstert leise: "Mich für die Zauberei, die Oberpfalz und die Magie im Kino zu entscheiden, war das Beste was ich bisher in meinem Leben getan habe."


Zum Glück (zurück)

Marco Knott ist Teil des Projekts "Zum Glück (zurück)". In dieser 18-teiligen Serie stellen wir Oberpfälzer vor, die ganz bewusst nach einem Blick über den Tellerrand und einer Zeit außerhalb der Region zurückgekehrt sind.

Gefördert durch Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.

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