Oberpfälzisch statt oberflächlich: Kabarettistin Eva Karl-Faltermeier will es bunt

Mexiko war bunt, aber für Eva Karl-Faltermeier nicht bunt genug. Nicht so wie ihre Heimatstadt Regensburg. Denn hier sind Mensch und Landschaft wie die Kabarettistin es mag: kantig und authentisch. Und so sind auch die Frauenfiguren in ihrem Kabarettprogramm "Es Geht Dahi".

Bleiern spannt sich der Himmel über die Steinerne Brücke. Durch ihre massiven Pfeiler rauscht das schwarzgraue Wasser der Donau. Es regnet. Alles an diesem tristfabulösen Herbsttag ist graphitgrau. Nur ein grellgelber, überdimensional großer Regenschirm wippt fröhlich durch den monotonen Menschenstrom, der sich über die Brücke wälzt. Seine Trägerin hält ihn mal über ihren Kopf, mal liegt er bequem auf ihrer Schulter. Sie trägt einen olivfarbenen Regenmantel. Durch ihre schwarze Brille blickt die Frau auf den Boden. Mit Bedacht setzt sie einen Fuß vor den anderen. Aus gutem Grund: Sie fürchtet um ihr Leben. Sie will nicht verbrennen.

"Einem Oberpfälzer ist es egal, wenn er anders ist!"

Vorsichtig platziert sie ihre Schritte immer mittig auf die Pflastersteine. Niemals zwischen zwei – und um Himmelswillen auf gar keinen Fall zwischen drei. Denn dort in den Fugen fließt Lava. Sie blickt hinab auf ihre Füße, links mittig, rechts mittig – jeder auf einem eigenen Stein platziert. Zufrieden verzieht Eva Karl-Faltermeier den Mund zu einem breiten Grinsen: „Das sieht bestimmt ziemlich bescheuert aus, wenn ich da so über die Brücke hüpfe, aber manchmal muss es eben sein.“ Das Lava-Spiel habe sie schon als Kind gespielt. Und manchmal, wenn auch ganz selten, eben auch noch heute als 36-Jährige. Einfach so, weil sie Lust darauf hat.

Was andere Menschen von ihr halten, interessiert die gelernte Journalistin wenig. Und das ist wohl eine der besten Voraussetzungen für ihre zweite Karriere: Eva steht als Poetry-Slammerin und Kabarettistin auf der Bühne. „Ich weiß nicht, ob es in der Oberpfalz ankommt, wenn man anders ist, aber das ist mir auch egal“, sagt sie und weicht einer Gruppe Touristen aus. „Genau das macht mich zur Oberpfälzerin. Einem Oberpfälzer ist es nämlich egal, wenn er anders ist.“

Eva verlässt die Brücke, geht zielstrebig gen Donau und Stadtmauer, an der Weinlände entlang. Sie kommt an Graffitis und einer Reihe farbig angemalten Häusern vorbei. „So super bunt ist Regensburg, das habe ich immer vermisst, wenn ich wo anders war“, erklärt die Rückkehrerin. Während des Studiums lebte sie ein zeitlang in Mexiko und zuletzt in Nürnberg.

„Da merkst Du halt wieder, wo Du daheim bist.“

„In Franken sind die meisten Häuser einfarbig aus Sandstein. Das hat mich bei Sonnenschein mehr deprimiert als die bunten Häuser bei Nebel in Regensburg“, erinnert sich Eva und nennt ihre Sehnsucht nach der Regensburger Altstadt und der Kulturszene dort als einen Grund für ihren Umzug zurück in die Oberpfalz. „Da merkst Du halt wieder, wo Du daheim bist.“

Und dann war plötzlich auch das Thema Kinder und Familie aktuell: Gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls als Exil-Oberpfälzer in Franken lebte, habe sie damals beschlossen, dass ihre zukünftigen Kinder unbedingt ihren Dialekt sprechen sollten: „Ich wollte nicht, dass die mal fränkisch sprechen. Auch Hochdeutsch war mir nicht wichtig, das lernen sie noch früh genug. Wir wollten, dass ihre Muttersprache der Oberpfälzer Dialekt wird.“ So zogen die beiden zurück in ihre Heimat.

Als Eva in eine der vielen schmalen Altstadtgäßchen abbiegt, dröhnt aus einem der Fenster über ihr plötzlich Deutschrap, aus dem gegenüberliegenden Punkrock. Bei jedem neuen Saitenanschlag bröckelt leicht der Putz. Sie schaut nach oben: „Genau das brauche ich, diese Ambivalenz in den Dingen“.

„Ehrlich und authentisch – und genau so ist halt auch die Oberpfalz

Für sie hat die Oberpfalz viele ambivalente Facetten, kann vieles in sich vereinen. Die Stadt Regensburg zum Beispiel sei schön und gefällig, zugleich aber auch rau und kantig. So wie die Oberpfälzer selbst: „Diese leicht ruppigen Charaktere, mit ihnen kann man viel lachen und gleichzeitig diskutieren, darf ihnen aber auch mal sauer sein. Sie sind ehrlich und authentisch – und genau so ist halt die Oberpfalz.“

Die Mittagspause ist fast vorbei, Eva will sich im nächsten Asia Imbiss noch schnell ein veganes Curry holen. „Kann gerade kein Fleisch essen“, sagt sie knapp, während sie in der Schlange wartet und immer wieder Mails und Posts auf ihrem Smartphone checkt. „Der Fuchs hat unsere Hühner gerissen. Seitdem gibt’s bei mir nur noch Tofu.“ Sie scrollt durch ihre Feeds. „Social Media wird immer wichtiger. Für mich persönlich wird es aber auch immer schwieriger“, sagt sie. Die 36-Jährige gewährt ihren Followern auf Instagram viele Einblicke - vorrangig in ihre Künstlerleben. Da gibt es aber nicht nur nette Reaktionen. 

Trotzdem ist Eva in dieser Welt zuhause, hat lange Zeit als Social-Media-Expertin gearbeitet. Daher widmet sie dieser digitalen Welt auch einen Teil ihres Kabarettprogramms. Nicht nur über Instagram-Mamas sinniert Eva in „Es Geht Dahi“, sondern auch über die Jugend in der Oberpfalz in den 1980er-Jahren. Damit das Programm auch analog perfekt sitzt, wird Eva von der Regisseurin Franziska Wanninger gecoacht.

Die 36-Jährige hat als Jugendliche in Tracht und Tradition ihre ganz eigene Art der Rebellion gefunden. „Auf den Volksfesten früher, hatte niemand ein Dirndl an. Außer mir. Ich habe mir immer alte von meiner Mama ausgeliehen und stand dann da mit so Trompetenblusen aus den 70ern und Doc Martens dazu“, erinnert sie sich. Ihr Freund sei Punk gewesen und habe sich dann immer total geschämt. „Aber für mich hat es genau das ausgemacht. Meine persönliche Revolution war, dass ich eben nicht wie alle anderen ein Spaghettiträger-Shirt trug.“ Aufgewachsen ist Eva in einem sehr traditionellem Haushalt: „Viele Dinge waren für mich als Jugendliche oder Kind komisch. Die habe ich hinterfragt, andere Sachen hingegen gaben mir Heimat.“ Sie überlegt kurz, während sie ihr To-Go-Mittagessen bezahlt.

„Ich finde es schön, wenn man sich damit identifizieren kann, wo man her kommt. Aber auch den Input von anderen Menschen einfließen lässt“, sagt Eva. Traditionen seien es doch, die einen anders machen als andere. Auf gar keinen Fall besser als irgendjemanden, sondern schlichtweg anders. Sie greift nach ihrem Essen und verlässt den kleinen Asia-Imbiss. „Es wäre doch furchtbar langweilig, wenn wir alle gleich wären und alle das Gleiche denken würden!“

Nicht ohne ihre Platten: Das sind die Top Ten Alben der Eva Karl-Faltermeier

 

 

Zehn Lieblingsplatten

Zeig' mir Deine Platten und ich sag' Dir wer Du bist! Dass der Musikgeschmack viel über einen Menschen aussagt, ist wissenschaftlich belegt. Evas Top 10 Alben spiegeln die Ambivalenz wider, die sie in allen Dingen sucht und braucht: alles dabei von Pop über Soul und Grunge bis hin zu Rock, Hip-Hop und Folk.

1. Beach Boys: Surfs Up
2. David Bowie: Hunky Dory
3. Nirvana: In Utero
4. The Sonics: Here are the Sonics
5. N.W.A.: Straight outta Compton
6. Beastie Boys:  Hello Nasty
7. EAV: Geld oder Leben
8. Crosby, Stills, Nash and Young: Deja Vu
9. Stevie Wonder: Talking Book
10. Janis Joplin: Pearl

Analog erfolgreich, digital aktiv: Eva auf der Bühne und im Netz

Analog ist Kabarettistin Eva Karl-Faltermeier mit ihrem Programm "Es Geht Dahi" unterwegs und als Poetry Slammerin macht sie erfolgreich die Bühnen Bayerns unsicher. 2019 gewann sie den Mundart Slam in München, den Poetry Slam Eulenspiegel beim Zelt-Festival in Passau sowie den Poetry Slam in Regensburg. Digital trifft man die Social Media-Expertin vor allem auf Instagram und Twitter, Infos zu Terminen und ihrem Künstlerleben gibt es auf der Website ihrer Agentur. 

Zum Glück (zurück)

Kabarettistin Eva Karl-Faltermeier ist Teil des Projekts "Zum Glück (zurück)". In dieser 18-teiligen Serie stellen wir Oberpfälzer vor, die ganz bewusst nach einem Blick über den Tellerrand und einer Zeit außerhalb der Region zurückgekehrt sind.

Möchtest Du auch ein Teil dieser Serie werden? Dann erfährst Du hier mehr zur Serie!

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen. Und wenn sie nicht gerade auf

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