Isolde Stöcker-Gietl: Auf den Spuren des Tode

Mord ist mehr als ihr Hobby – sie hat ihn zum Beruf gemacht. Denn als Journalistin berichtet Isolde Stöcker-Gietl über wahre Verbrechen in Ostbayern. Diese stehen auch im Fokus ihres aktuellen Buches "Auf den Spuren des Todes". 

Wie immer nach der Spätschicht macht sich die Ambergerin Gertrud Kalweit zusammen mit einer Kollegin auf den Nachhauseweg. Kurz nach 23 Uhr trennen sich die beiden Frauen am Kreisverkehr, Getrud Kalweit nimmt den Weg über den Stadtgraben. Dort begegnet sie ihrem Mörder. Am Morgen findet ein Passant die völlig geschundene Leiche der zweifachen Mutter in einem Busch. Bis heute konnte der brutale Mörder und Vergewaltiger nicht überführt werden. "Die Tote im Stadtgraben" ist nur eines von zehn grausamen und aufsehenerregenden Verbrechen in Ostbayern, die Isolde Stöcker-Gietl in ihrem aktuellen Buch Auf den Spuren des Todes neu aufrollt.

Die Journalistin gibt in ihrem True-Crime-Buch nicht nur Einblicke in die Polizeiarbeit, sondern vor allem den Opfern und Hinterbliebenen eine Plattform. "Sie sollen nicht vergessen werden", erklärt die Autorin ihren literarischen Fokus, der mehr auf den Menschen und weniger auf der Tat liegt.

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In Ihrem aktuellen Buch begeben Sie sich auf die Spuren des Todes, rollen zehn grausame Verbrechen aus Ostbayern wieder auf. Wieso genau diese zehn Fälle? 

Isolde Stöcker-Gietl: Bei der Auswahl hat der Verlag mitgesprochen. Der Wunsch war, dass man ein möglichst breites Gebiet in Ostbayern abdeckt und deswegen habe ich sehr genau geschaut, wo sich was zugetragen hat. Und wenn ich ehrlich bin und darüber nachdenke, wüsste ich noch ein paar mehr Fälle, die sich für ein weiteres Buch eignen würden. 

Welcher der zehn Fälle hat Sie persönlich am meisten berührt?

Neben Maria Baumer gehört sicherlich der zweifache Kindermörder aus Regensburg dazu. Jeder der selbst Kinder hat, weiß, was es bedeutet, wenn man den geliebtesten Menschen auf der Welt verliert.

Als Autorin legen Sie den Fokus auf die Opfer und Hinterbliebenen, weniger auf die Tat. Warum?

In der Polizeiarbeit und bei Gerichtsverhandlungen stehen diese Menschen nicht im Vordergrund. Da geht es immer um den Täter und um die Tat. Aber für mich ist immer die Frage spannend, wie es soweit kommen konnte. Welche Menschen involviert waren und warum ihnen das wiederfahren ist.

Deswegen haben Sie das Gespräch gesucht?

Ja. Wenn man sich über diesen Verlust Gedanken macht, muss man auch mit den Menschen sprechen, die betroffen sind. Ich glaube, ein Außenstehender kann sich nicht vorstellen, was die Hinterbliebenen durchmachen. Oft auch über Jahre nicht wissen, was mit geliebten Menschen passiert ist. Und diesen Schmerz kann kein Prozess würdigen. Mein Wunsch ist, dass die Erinnerung an die getöteten Menschen erhalten bleibt.

In Ihrem Buch recherchieren sie akribisch genau, drehen jeden Stein um. Konnten sie der Polizei schon einmal beim Lösen eines Falls behilflich sein?

Dass so etwas vorkommt ist eher sehr, sehr, sehr selten. Aber, ich denke schon, dass die journalistische Arbeit der Polizei immer wieder Denkanstöße geben kann. Und was tatsächlich hin und wieder vorkommt, dass Briefe von meist unbekannten Absendern die Redaktion erreichen, die Hinweise auf Kriminalfälle geben. 

War schon mal ein richtig heißer Tipp dabei?

Auch an mich sind schon solche Briefe adressiert worden. In diesen Fällen schalte ich die Kriminalpolizei ein und gebe die Briefe weiter. Bislang war aber in keinem der Briefe ein so heißer Tipp, dass ein Fall hätte aufgeklärt werden können.

Trauen Sie sich bei so viel Mord- und Totschlag überhaupt noch nachts allein auf die Straße?

Ja, natürlich habe ich aufgrund der Tatsache, dass ich mich oft mit Mordfällen beschäftige, manchmal ein mulmiges Gefühl, wenn ich in einer finsteren Ecke in Regensburg unterwegs bin. Da aber die meisten Verbrechen Beziehungstaten sind, ist die Gefahr, dass man Opfer eines Gewaltverbrechens wird, eher gering.

Die Aufklärungsrate ist auf jeden Fall hoch. Über 90 Prozent aller Tötungsdelikte werden sehr rasch aufgeklärt, weil es eben häufig Beziehungstaten sind. Und man relativ schnell eine Ahnung davon hat, wer für die Tat verantwortlich sein könnte. Schwierig wird es dann, wenn die Täter nicht aus dem direkten Umfeld kommen. In meinem Buch habe ich drei Fälle, die nicht aufgeklärt werden konnten, sogenannte Cold Cases. Aber so etwas ist wirklich die absolute Ausnahme, in der Regel ist die Polizei sehr schnell auf der richtigen Spur.

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Meine Oberpfalz · Auf den Spuren des Todes – Isolde Stöcker-Gietl im Interview

Mehr zur Autorin

Isolde Stöcker-Gietl lebt in Regensburg, ist Diplom-Betriebswirtin und seit 1998 Redakteurin im Mittelbayerischen Medienhaus. Als Reporterin für überregionale Themen hat sie viele Kriminalfälle in der Oberpfalz und in Niederbayern journalistisch begleitet und saß auch als Berichterstatterin in spektakulären Gerichtsprozessen. Von ihrer Arbeit berichtet sie seit 2019 mit Redakteur André Baumgarten und weiteren Kollegen im Podcast Spuren des Todes. Für ihre journalsitische Arbeit wurde Isolde Stöcker-Gietl 2017 mit dem Eberhard-Woll-Preis ausgezeichnet.

Isoldes Lesetipp:

"Die schwedische Buchreihe um den Kriminalpsychologen Sebastian Bergmann mit den Titeln Der Mann der kein Mörder war oder Die Opfer, die man bringt. Ich würde, wenn ich selbst eine fiktionale Figur erfinden möchte, vermutlich auch in diese Richtung gehen, weil mich eben die Psyche der Täter ganz besonders interessiert." (Isolde Stöcker-Gietl)

Weitere Infos zu den Sebastian Bergmann-Krimis gibt es hier >>>

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.