Jörg Fischer: Moderner Horror und ein Vilsgeist

Schaurig spannend lesen sich die Werke von Jörg Fischer. Doch seine Bücher sind mehr als nur unterhaltsam: Der Archivar "erzählt Geschichten, um Geschichte darin einzubetten" – vor allem Amberger Historie. So trifft man in seinem Das verräterische Herz und andere Erzählungen von der Vils nicht nur Paul den Vilsgeist, sondern auch einen heimtückischen Statthalter, mörderische Söldner oder einen kriegsmüden Büchsenmeister.

In seinem ersten Hörspiel Das Artefakt, das in Zuzsammenarbeit mit Yellow King Productions aus Illschwang entstand, wird Amberg zum Schauplatz einer Schauergeschichte. Diese reichert Fischer, ganz im Stile der großen Autoren des modernen Horrors wie H.P. Lovecraft, mit einigen Versatzstücken "übernatürlichen Grauens" an. Im Interview verrät der Wahl-Amberger nicht nur, warum seine Storys vom Lokalkolorit leben, sondern auch welche Projekte er sich in Zukunft vorstellen könnte. Spoiler: Trash und Pulp werden hier vom Autor nicht ausgeschlossen.   

Oberpfalz Marketing: Warum spielen Deine Bücher ausgerechnet in der Oberpfalz?
Jörg Fischer: In meinen Erzählungen spielt das Lokalkolorit durchaus eine große Rolle. Da bietet es sich einfach an, tatsächlich bekannte Plätze, Straßen und Landschaften zu beschreiben. Ich lebe nun einmal nicht in Berlin oder Köln und müsste die Gegebenheiten dort – so ich denn wollte – mit Hilfe von Hilfsmitteln wie etwa Google Earth beschreiben. Das käme mir unehrlich vor – wie ein billiger Taschenspielertrick.

Hätte Paul nicht statt in der Vils auch in der Spree aufwachen können?
Ich habe vor vielen Jahren tatsächlich einmal an der Spree gearbeitet. Gäbe es Paul überhaupt, wenn ich dort geblieben wäre? Ich denke nicht: Zur Entstehung einer solchen Figur gehört die grundlegende Idee und Ideen werden häufig aus ganz alltäglichen Erfahrungen geboren. Ich will zwar nicht prinzipiell ausschließen, dass ich etwa in Berlin auf Vergleichbares gekommen wäre – das Ergebnis hätte in diesem Fall aber sicher ganz anders ausgesehen. Paul ist ein Amberger und als solcher gehört er in die Vils.

Was inspiriert einen gebürtigen Franken wie Dich an der Oberpfalz?
Als ich vor 20 Jahren in die Oberpfalz kam war ich ehrlich verblüfft, wie wenig ich darüber wusste. Zwischen meiner Heimatstadt und Amberg liegen gerade einmal 120 Kilometer. Trotzdem war mein neues Zuhause erst einmal so etwas wie ein "unbekanntes Land". Ich habe dann durch meinen Job schnell gelernt, dass es die "eine Oberpfalz" gar nicht gibt, sondern wahnsinnig viele Puzzleteile, die alle zusammen die Oberpfalz ergeben: Unterschiedliche Traditionen, eine Vielzahl von Befindlichkeiten und ein enormer Fundus an Geschichte und Geschichten. Unsere Region hat es verdient, dass man sich mit ihr beschäftigt und sie stärker wahrnimmt.

Als Historiker bist Du auf Fakten fokussiert, deine Bücher sind alles andere als trockene Wissenschaft...
Als Archivar stehe ich natürlich vor der Forderung, mich an belegbare Fakten zu halten und einen sachlichen Stil zu pflegen. Gerade in Deutschland gibt es ja vielerorts bei Geisteswissenschaftlern noch immer die Grundhaltung, dass Wissenschaft nicht zu narrativ, sprich: unterhaltend sein darf. Man wendet sich eher an ein Fachpublikum und wundert sich dann gerne, dass sich darüber hinaus kaum Leser für diesen Output interessieren. Ich versuche Geschichten zu erzählen und die Geschichte darin einzuwickeln. Das ist etwas, das ich selber auch lieber lese als eine trockene Faktensammlung.

Deine Werke sind oftmals schaurig und gruselig. Ist die Oberpfalz ein mystischer Ort?
Inwieweit ein Schauplatz als "mystisch" wahrgenommen wird hängt für meine Begriffe immer sehr stark vom Leser selbst ab. Das "Artefakt" in Zuzsammenarbeit mit Yellow King Productions war für mich ein Versuch, Amberg als Schauplatz einer Schauergeschichte auszuprobieren. Diese habe ich dann mit einigen Versatzstücken "übernatürlichen Grauens" angereichert, die für die Fans des Genres erkennbar sein, aber auch nicht als Schlag mit dem Zaunpfahl daherkommen sollten. Die Oberpfalz funktioniert als mystischer Ort so gut wie jeder andere – sofern der Leser/Hörer bereit ist, sich auf eine Erzählung einzulassen, die jenseits der wissenschaftlich beschreibbaren Welt funktioniert.

Warum passt New Horror in die Oberpfalz?
Der Autor H.P. Lovecraft hat einmal geschrieben, dass Angst die älteste und stärkste Empfindung des Menschen sei. Die Furcht vor dem Unbekannten hielt er für den größtmöglichen Schrecken. Der Text, der durch diese Feststellung eingeleitet wird, wurde 1927 zum ersten Mal veröffentlicht – und bis heute baut jede ernstzunehmende Schauergeschichte auf dieser Prämisse auf. Ich will damit sagen, dass der neue Horror irgendwie auch der alte Horror geblieben ist. Was sich geändert hat, "moderner" geworden ist, sind oft nur die Gewänder, in die das Ganze gekleidet wird: Es muss eben nicht immer Providence/Rhode Island sein und nicht jedes Mal gleich der Weltuntergang – die Tragödie kann sich eben auch in den Gassern der Amberger Altstadt abspielen und auf einen ganz individuellen Untergang beschränken.

Stimmt es, dass Du an einem Pulproman (Comic) für die Oberpfalz arbeitest?
Das ist wohl wahr – Charles Bukowski und Jim Thompson haben Schuld daran …

Bukowski auf Oberpfälzisch? Erzähl mir mehr!
Ich versuche es einmal mit einer bewusst "kryptischen" Antwort: Ich werde meine Zusammenarbeit mit Yellow King Productions definitiv fortsetzen. Es muss aber nicht zwingend sein, dass neue Projekte auch unter meinem Namen veröffentlicht werden. Und auch wenn ich mich (noch) nicht an einen Comic heranwagen würde: Womöglich erscheint ja bei dem Illschwanger Multmediaverlag schon in sehr naher Zukunft ein weiteres Hörbuch, das in der Oberpfalz spielt und einen ganz neue Geschichte erzählt, deren Hauptdarsteller uns noch länger erhalten bleiben wird ...

Was ist aus Deiner Sicht das Besondere an der Oberpfalz?
Ein ganz selbstverständliches Nebeneinander von Tradition und Moderne. Der schöne Beweis dafür, dass ein "sowohl – als auch" immer besser funktioniert als ein "entweder – oder".

 

 

Mehr zum Autor

Jörg Fischer, Jahrgang 1970. Veröffentlichte bereits in den 1980er Jahren erste Gehversuche im Bereich der Kurzgeschichte im damals regen Science Fiction Fandom, u. a. im Fanzine „Capricorn“ und bei Storywettbewerben der Perry Rhodan Heftreihe. Trotz zahlloser Ablenkungen, nicht zuletzt in Form einer unheiligen Leidenschaft für harte Rockmusik und durch ein – überaus fesselndes – Studium im Bereich Archivwesen, blieb er DEM prägenden Einfluss aus Jugendjahren stets treu: H. P. Lovecraft.  Seit 2002 arbeitet Fischer im Stadtarchiv Amberg. 2016 kam es dann zur unheiligen Verschmelzung privater Leidenschaften mit beruflichem Knowhow. „Das verräterische Herz und andere Erzählungen von der Vils“, erschienen im Verlag von Eckhard Bodner, verknüpfte historische Fakten mit einer fiktiven Rahmenhandlung, als deren Hauptfigur Paul der Vilsgeist nicht nur das Bindeglied zwischen den Jahrhunderten, sondern auch den Leumundszeugen für die geschilderten Ereignisse gibt. Es „Nur bei Vollmond oder die wirklich wahre Geschichte des Amberger Ehhäusl“ (2017) und „Am gelben Fluss“ (2020). „Das Artefakt“ erscheint April 2019 bei Yellow King Productions als Hörbuch. Fischer arbeitet seit vielen Jahren mit dem Amberger Maler und Grafiker Marcus Trepesch zusammen. Weitere Infos zu Jörg, Paul und Markus gibt's auf der Facebookseite des Vilsgeists >>>

Jörgs Hör- und Lesetipp:

"Sie tauchen dann und wann gerne in menschliche Abgründe ein und legen beim Lesen Wert auf guten Stil und einen hohen Wiedererkennungswert? Dann empfehle ich Ihnen dringend das Schaffen meines geschätzten Kollegen Oliver Susami (http://www.oliversusami.de). Wir sind tatsächlich auch Verlagskollegen: Seine „Unheimlichen Geschichten“ erscheinen derzeit als Hörbuch bei Yellow King Productions – erst seit wenigen Tagen ist der zweite Teil „Der Hinker und wir“ verfügbar. Viel Vergnügen.

Unheimliche Geschichten von Oliver Susami – hier geht's zur Hörprobe und den Infos >>>

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.