Hubertus Hinse und das Drudenherz: Fantastische Oberpfalz

Er ist Autor, Theaterschauspieler und Filmemacher – seine Leidenschaft gehört dem Fantasy-Genre. Vor allem die Oberpfälzer Mythen faszinieren Hubertus Hinse. In seinem Debütroman Drudenherz (2017) erwacht die alte bayerische Sagenwelt im Hier und Jetzt zum Leben.  Der Plot und auch die Figuren erinnern an eine Mischung aus Hubert und Staller und der US-Fantasy-Serie Grimm.

Da Hinse eben nicht nur Autor, sondern auch prämierter Filmemacher ist, bringt der Wahl-Regensburger sein Drudenherz auch auf die Leinwand. Sobald die Corona-Krise es wieder erlaubt, setzt der gebürtige Bielefelder die Kino-Tour seines "Herzensprojekts" fort. Um die Wartezeit zu verkürzen, veröffentlicht Hinse aktuell in regelmäßigen Abständen sogenannte "Drudenherz-Corona-Specials" auf der Facebook-Seite des Projekts. Dabei handelt es sich um Lesungen, kurze Performances, Filmszenen, Outtakes, Kommentare und vieles mehr rund um das Projekt. Über das Virus haben wir mit ihm nicht gesprochen, dafür über Geister und Dämonen. 

Oberpfalz Marketing: Warum spielen Deine Bücher in der Oberpfalz?
Hubertus Hinse:
Da gibt es gleich mehrere Gründe: Die Oberpfalz ist meine Wahlheimat, weil ich mich hier seit über 25 Jahren unglaublich wohl fühle. Die Oberpfalz ist eigen, besonders. Sie ist kein Klischee-Bayern. Es gibt hier so viel Echtes, Urwüchsiges, Menschliches, Kantiges, Wunderschönes und Herzliches, dass ich davon einfach schreiben musste. Ein anderer Grund ist, dass viele Sagen und Legenden, die ich in meinen Büchern bearbeite, hier aus der Region stammen – wozu sollte ich sie also an andere Orte verlegen?

Faszinieren Dich alte Sagen und Legenden schon immer? 
Ja. Allerdings wusste ich damals noch noch nicht, dass diese Märchen hier aus der Region stammen. Als Kind liebte ich Geschichten von Riesen und Zwergen, von feurigen Männern und Druden.

Nach klassischen Kindermärchen klingt das aber nicht ...
Diese Geschichten waren anders als diese „typischen“ Märchen der Brüder Grimm oder die Kunstmärchen der Romantiker. Sie waren weniger moralisierend, stärker naturverbunden und fühlten sich schon damals für mich „echter“ an. Als ich zum Studium nach Regensburg kam, entdeckte ich plötzlich viele dieser alten Geschichten wieder – und seither haben sie mich nicht mehr losgelassen. Es war für mich unglaublich spannend zu entdecken, warum diese Geschichten so besonders sind: Gerade hier in der Oberpfalz verschmelzen Einflüsse aus dem Böhmischen mit bayerischen und uralten keltischen Motiven.

Glaubst Du an Geister und Dämonen?
Das kann ich mit einem entschiedenen „Jein“ beantworten. Ich glaube nicht an Schlossgespenster mit Rasselkette oder gehörnte Gruselgestalten. Aber ich weiß, dass es Kräfte um uns herum gibt, die weit über schulwissenschaftliches Denken hinausgehen.

Welche Kräfte meinst Du?
Dass zwischen Menschen ein Funke überspringen kann, ist nicht nur eine Metapher, sondern auch etwas ganz Reales: Energie ist nicht nur, was aus der Steckdose kommt. Lebende Wesen haben eine Seele, und die geht niemals verloren. Unsere Energien beeinflussen die Welt um uns herum, und können auch auf Gegenstände oder Orte abfärben. Genau deshalb gibt es auch besonders kraftvolle oder unheilvolle Orte.

Karftorte und Dämonen sind Elemente im Fantasy-Buch. Was fasziniert Dich an diesem Genre?
Fantasy ist eine moderne Form, Mythen zu erzählen. Manche Autoren versuchen, neue Mythen zu erfinden, andere bedienen sich bei existierenden Mythen. Was beide verbindet, ist die uralte Sehnsucht der Menschheit, an etwas Teil zu haben, was größer ist als die sichtbare Welt. Das geht von Moralvorstellungen über religiöse Vorstellungen bis hin zu magisch-mystischen Ideen. Persönlich glaube ich, dass auch in der Fantasy sehr viel Wahres steckt. Sie ist ein Mittel, uns in eine unsichtbare Welt einzuladen – und das ohne Zeigefinger, sondern unterhaltsam, spannend und offen für alle.

Wie kam Dir die Idee zu Drudenherz?
Die Idee kam tatsächlich beim Fernsehen. Ich bin, ich gebe es zu, ein großer Fan von Fantasy- und Mysteryserien. Was mich aber immer mehr geärgert hat, war, dass oft reale Märchen als Hintergrund genutzt, und dabei vollkommen verfremdet und entstellt wurden. Da heißt ein Monster mal „Rumpelstiltz“, aber die Story hat absolut nichts mehr mit dem eigentlichen Märchen zu tun. Ich finde es eine tolle Idee, alte Geschichten in einem neuen Gewand zu erzählen. Aber wenn die eigentlichen Inhalte zugunsten von purer Effekthascherei komplett vernachlässigt oder aus dem Zusammenhang gerissen werden, dann bringt mich das auf die Palme. Also wollte ich es anders machen.

Wie anders?
Drudenherz versetzt Jahrhunderte alte Sagengestalten in die heutige Zeit. Die Hintergründe sind dabei genau recherchiert und tauchen auch als historische Rückblenden im Roman auf. Ich spiele damit, was Druden, Moosleute, Bilmesschnitter und Feilenhauer in der heutigen Welt so treiben würden.

Was inspiriert Dich in der Oberpfalz?
Die Menschen! Ich durfte hier so viele wunderbare Menschen kennenlernen, die mich immer wieder beflügelt und auf neue Ideen gebracht haben. Die Landschaft ist eine zweite Inspirationsquelle. Fluss, Fels, Wälder und Weite. Da geht mir das Herz auf. 

Mehr zum Autor

Hubertus Hinse wurde am 30. Mai 1971 in Bielefeld geboren und fand als Student der Informationswissenschaft seinen Weg nach Regensburg. Begeistert von seiner neuen Heimat wurde er zum Mitbegründer der Stadtmaus in Regensburg. Bis 2019 blieb er ihr Gesellschafter und Schauspielleiter. Er ist gelernter Theaterpädagoge im Bundesverband Theaterpädagogik und freier Künstler. Die meisten Kreativ-Konzepte der STADTMAUS stammen aus seiner Feder, ebenso wie regionale Fernsehspots und Hörbücher. Seit mehr als zwanzig Jahren leitet er Theater-, Fecht- und Bühnenkampf Workshops und schreibt dem Kindertheater Fjonn von den Inseln die Rollen auf den Leib. Als Autor des Hörbuchs Königin der Städte bricht er eine Lanze für die Stadt, in die (und in der) er sich verliebt hat. 2011 veröffentlichte er mit Roter Herzfleck, Blauer Hecht und eine Fürstenhochzeit seine erste Sammlung von Geschichten und Anekdoten. Im Oktober 2017 erscheint Glaubn mechst es ja ned: Sagen aus der Oberpfalz in Zusammenarbeit mit Toni Lauerer, sowie sein Debütroman Drudenherz.

Hubertus Lesetipp:

Nichts als die Wahrheit über Regensburg vom Schwafi. Klaus Schwarzfischers Sammlung von Anekdoten, Spaziergängen und Beschimpfungen ist eine pralle Bombe voller alternativer Fakten und Insiderwissen. Allein das Cover spricht Bände. Ich habe mich selber dabei erwischt, wie Thesen, die zunächst vollkommen absurd erschienen, plötzlich anfingen Sinn zu ergeben, wenn man den Buchdeckel nicht schnell genug wieder schließt. Wer sich einmal irritieren lassen will, ist hier genau richtig. "

"Nichts als die Wahrheit über Regensburg", Klaus Schwarzfischer, MZ Buchverlag, Regensburg 2020, ISBN: 978-3-86646-382-0, 176 Seiten, 14,90 Euro 

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.