Gerda Stauner: Auf den Spuren der Vergangenheit

Heimat, Identität und Vertreibung - das sind die Themen, die die gebürtige Oberpfälzerin Gerda Stauner umtreiben. In ihren Romanen "Grasmond" und "Sauforst" lässt sie die jüngere Vergangenheit ihrer Heimat wieder aufleben. Über 150 Jahre hinweg begleitet die Autorin in ihren Erzählungen eine Familie. Dabei wechseln die Zeitebenen und die Perspektiven zwischen den verschiedenen Protagonisten. Auch zeitgeschichtliche Aspekte wie die Industrialisierung oder der Zweite Weltkrieg fließen in ihre Bücher mit ein.

"Wolfsgrund", der dritte Teil der Familiensaga, ist im März 2019 erschienen. Dieser beleuchtet die Ablösung sowie Aussiedelung der Menschen rund um die Truppenübungsplätze Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine starke, selbstbestimmte Oberpfälzerin spielt darin eine tragende Rolle ...

oberpfalz.de: Gerda, warum spielen Deine Bücher ausgerechnet in der Oberpfalz und nicht irgendwo anders?
Gerda Stauner: Bei mir ist es ähnlich wie bei Martin Suter, der in einem Interview sagte, er könne nur über die Schweiz schreiben, weil der da aufgewachsen ist, dort sozialisiert wurde. Um authentisch zu erzählen, muss ich nicht nur genau über den Ort Bescheid wissen, ich muss ihn fühlen können. Und das ist bei mir in der Oberpfalz der Fall.

Was inspiriert Dich an Deiner Heimat?
Die Menschen, die darin leben und lebten. Und das Tal der Schwarzen Laber. Wenn ich im Zug von Regensburg in Richtung Nürnberg fahre, kann ich mich nicht sattsehen an dieser wunderbaren Landschaft.

Was ist aus Deiner Sicht das Besondere an der Oberpfalz? Warum eignet sie sich so gut als Kulisse für einen Roman?
Die Kargheit der Landschaft und das zurückgenommene Verhalten der Oberpfälzer passen einfach wunderbar zu meinem prosaischen Schreibstil. Die Bewohner der Oberpfalz machen nicht viel Aufhebens um sich, das gefällt mir.

Ist es schwieriger, ein Buch zu schreiben, das in der eigenen Heimat spielt, statt an einem fiktiven oder fremden Ort? Was sind die Herausforderungen für einen Autor?
Es ist insofern schwieriger, weil es für die Geschichte nur eine begrenzte Leserschaft gibt. Die Herausforderung besteht eher darin, auf der einen Seite die Erzählung genau zu verorten und auf der anderen Seite auch für Fremde interessant zu machen.

Über welches Oberpfälzer Phänomen sollte man unbedingt noch ein Buch schreiben?
Es wäre einmal interessant, etwas über die Starrköpfigkeit der Oberpfälzer zu lesen. Sie nehmen vieles lange Zeit gelassen hin. Aber wenn sie einmal gereizt werden, dann sind sie nicht mehr aufzuhalten. Am Beispiel der einst geplanten WAA in Wackersdorf kann man das sehr schön sehen.

Mehr zur Autorin

Die 1973 in der Oberpfalz geborene Gerda Stauner lebt seit 1999 in Regensburg, ist verheiratet und hat einen Sohn. Nach dem Abitur studierte sie in Rosenheim Betriebswirtschaft. Zeitgleich mit ihrem Umzug nach Regensburg eröffnete sie das Themenhotel „Künstlerhaus“. Ihr erster Roman Grasmond erschien 2016 im SüdOst Verlag. Darin setzt sich die Autorin mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Menschen in der Oberpfalz auseinander. Die Figuren für ihren zweiten Roman Sauforst entstanden in Anlehnung an ihren eigenen Familienstammbaum. In ihrem aktuellen Buch Wolfsgrund schließt sie die rund 150 Jahre umfassende Familien-Saga. 2018 wurde sie mit dem Kulturförderpreis der Stadt Regensburg ausgezeichnet.

Gerdas Lesetipp:

„An der schönen blauen Donau“ von Ludwig Bemelmans, welcher im April 1945 in New York in englischer Sprache erschienen ist. Es dauerte gut sechzig Jahre, bis es zu einer deutschen Übersetzung kam. Die Beschreibung des anfangs stillen Widerstands der Protagonisten gegen die Naziherrschaft ist meiner Meinung nach eine treffende Charakterstudie der Oberpfälzer. Ludwig Bemelmans wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts in Regensburg auf, wurde dort sozusagen sozialisiert, und man spürt beim Lesen die Liebe zu seiner ehemaligen Heimat und zu den Menschen, die dort leben.

"An der schönen blauen Donau", Ludwig Bemelmans, Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 9783458173618, gebunden, 175 Seiten, 17,80 EUR 

Autor/in
Autor/in Nina Schellkopf
Warum Nina jeden Tag aufs Neue ins Büro kommt? Gute Frage! Sicher ist, dass wir ohne sie nur schwer überlebensfähig wären. Oft gibt sie uns (unbemerkt) Struktur und fast „nebenbei“ produziert sie auch noch jede Menge Inhalte. Da beides nicht immer leicht