Von der Champs-Élysées an den Steinberger See: Für Steffen und das Wild Wake riskiert Chrys alles

Die perfekten Bedingungen für seine Karriere findet Steffen Wild in der Oberpfalz – und das gleich zweimal: Erst ist es der renommierte Wasserskiverein Haidweiher, der ihn als Teenager nach Amberg bringt. Der Steinberger See hält ihn nach dem Studium in der Region. Denn dort baut er gemeinsam mit seiner Frau Chrys den Wild Wake Park. Die Französin hat alles für die Liebe und die Oberpfalz riskiert ... 

Später wird der See aufgewühlt Wellen schlagen, das Surren der Seilbahn und das Gelächter der Menschen die Stille durchbrechen. Doch noch zwitschern ein paar frühe Vögel und das glasklare Wasser liegt still und unberührt. Einzig ein paar Fische tummeln sich am Uferrand unter dem hölzernen Steg. Über diesen schreitet gerade ein schlanker, groß gewachsener Mann, das makellose weiße Poloshirt trägt er über hellen Shorts.

Erst öffnet er die Tür zu den fein säuberlich aufgereihten Leih-SUPs, dann kontrolliert Steffen Wild noch die Seilbahnanlage. Denn das sogenannte Cable ist das Herzstück des Wild Wake Parks am Steinberger See im Landkreis Schwandorf. Ohne die vier Seilbahnen, die von einem solargespeisten Motor angetrieben werden, würde hier später nichts laufen – oder besser gesagt gleiten. Denn erst durch deren stetig harten Zug können Wakeboarder wie Wasserskifahrer über den See schnellen. Doch noch ist es zu früh am Morgen, der Park noch geschlossen. 

„Mon chéri, kommst Du? Wir müssen noch den Grillabend heute planen.“ Eine zierliche Frau mit blonden Locken, Sonnenbrille und französischem Akzent ruft über das Gelände. Steffen nickt, geht über den Sandstrand vorbei an einer überdimensionalen Kleiderstange, an der mehrere Dutzend rote Schwimmwesten hängen, zu dem amerikanischen Picknicktisch an dem seine Ehefrau und Geschäftspartnerin Chrystelle warten. Hier im BBQ-Bereich, unter der überdachten Terrasse mit Bar, wird nach Sonnenuntergang der Grill brutzeln und die Feuerschale glühen – denn heute ist Teamabend. Einmal im Jahr treffen sich alle Mitarbeiter, um nach Feierabend den Park zu fahren, Burger zu essen und Bier zu trinken.

Mit viel Eigeninitiative aufgebaut

„Der Spaß und die Kommunikation innerhalb des Teams ist so wichtig“, erläutert Chrystelle, die sich unter anderem um die Belange des Personals kümmert. „Bei uns arbeiten so tolle Leute, ohne die das Wild Wake nicht das wäre, was es heute ist“. Heute ist es eine Seilbahnanlage mit vier Bahnen, einem SUP-Verleih, einem Strand, einem Shop, einem Gastro- und BBQ-Bereich, einem Campingplatz und einer Adventure Minigolf-Anlage. Das war aber nicht immer so: Vor 22 Jahren war hier nichts als See und grüne Wiese.

Zu diesem Zeitpunkt war Steffen auf der Suche nach neuen Aufgaben. „Eigentlich hatte ich nicht vor in der Oberpfalz zu bleiben“, erinnert sich der heute 50-jährige Diplom-Kaufmann. „Ich hatte an die USA gedacht, dort tolle neue Projekte gewittert, aber nicht im Traum daran gedacht, diese wieder hier zu realisieren.“ Wieder hier? Ja, denn der gebürtige Franke hatte sich schon einmal für die Oberpfalz entschieden. Ausschlaggebend für seinen Umzug in den 1990ern war der Wunsch, Profisportler zu werden und der Wasserskiverein am Haidweiher bei Amberg: „Es gibt nicht viele Strecken, wo man Wettkampfsport hinter dem Motorboot betreiben kann. Der Haidweiher ist eine der wenigen Anlagen in Bayern, wo das möglich ist und wahrscheinlich eine der besten in ganz Europa.“

Seine Erfolge zwischen 1986 bis 1998 belegen, wie richtig er mit der Entscheidung für die Oberpfalz und den Haidweiher gelegen ist: Jugendweltmeister, 45 deutsche Meistertitel, dreimal Europameister im Springen und zweimal Weltcup-Sieger im Springen. „Im Sommer war ich auf Wettkämpfen unterwegs und in der Winterpause an der Uni Regensburg“, erinnert sich Steffen.

Mit dem Abschluss seines Studiums kam auch das Ende seiner Karriere als Profisportler und genau zu diesem Zeitpunkt hat Steffen von einem Projekt zur Rekultivierung des Steinberger Sees erfahren. „Als ich hörte, dass hier eine Wasserskianlage am Seil entstehen sollte, wusste ich sofort, dass das eine sehr interessante Angelegenheit für mich werden könnte“, erinnert sich der passionierte Wassersportler. „Ich habe mich mit meinem Wild-Wake-Konzept beworben und im April 1998 den Zuschlag bekommen, ein Jahr später im Mai haben wir eröffnet.“

Langsam füllt sich auch der Park. Nicht nur der Wakeboarder, der extra jedes Wochenende aus Tschechien angereist kommt, genießt den Tag am See, sondern auch der Schwandorfer Opa mit seiner Enkelin. „Unser Publikum ist bunt gemischt. Oftmals fahren auch ganze Familien, die Kids üben an der Anfängerbahn, während die Eltern die Features fahren – oder eben andersrum“, erklärt Steffen.

Von der Wasserski- zur Wakeboardanalage wurde der Park von ganz allein: Ende der 90er schwappte Wakeboarding von den USA nach Europa und das Wild Wake erkannte den Hype, bot ab Tag eins Leihboards an – und die wurden immer mehr. „Der Sport macht einfach total viel Spaß und ist leicht zu lernen. So ist aus der Wasserski-Seilbahn von alleine eine Wakeboard-Seilbahn geworden.“

Mittlerweile sind auch die beiden Wild-Söhne, Tim und Theo, eingetroffen und fahren den Park. Steffen und Chrystelle beobachten die beiden, feuern sie an, klatschen bei gestandenen Tricks oder diskutieren ihren Stil. Zwischendurch wird Chrystelle immer wieder von Besuchern gegrüßt, als ob diese sie schon ewig kennen. Einzig ihr französischer Akzent verrät, dass sie keine gebürtige Oberpfälzerin ist. 

1999 lernen sich Chrystelle und Steffen in Mailand bei der Wasserskiweltmeisterschaft kennen. „Das war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Chrystelle, die damals in Paris arbeitete. „Die Entscheidung nach Deutschland zu ziehen, fiel mir nicht leicht“, gibt die 43-jährige Frau zu, „aber ich wusste, Steffen braucht mich hier“.

Von Paris nach Schwandorf

Sie überlegt kurz, dann etwas leiser: „Außerdem war die Liebe viel zu groß, es ging eigentlich gar nicht anders, ich musste herkommen.“ So gab sie in Frankreich alles auf, tauschte Abende mit Freunden auf der Champs-Élysées gegen Schwandorf, ihren erfolgreichen Job als Diplom-Wasserskilehrerin gegen das Abenteuer Steinberger See. „Viele meiner französischen Freunde haben überhaupt nicht verstanden, warum ich das mache, ich konnte ja nicht einmal die Sprache.“ In der Oberpfalz sei sie anfangs die Exotin gewesen, die Französin, die nichts versteht.

Doch die ehemalige Profi-Freestyle-Skifahrerin gab nie auf. Wenn sie nicht auf der Anlage arbeitete, lernte sie Sprache, Land und Leute kennen. „Die meisten Menschen hier sind authentisch und ehrlich. Wenn Du einen Oberpfälzer zum Freund hast, dann für immer.“ Mittlerweile sind Steffen und sie fest verankert in der Gemeinde, froh darüber, dass ihre beiden Söhne behütet nahe der Natur und fernab von Großstadtkriminalität aufwachsen können. „Ich habe wirklich viel riskiert, als ich in die Oberpfalz zu Steffen zog“, sagt Chrys und beobachtet ihren Mann, der ihr kurz zuzwinkert und dann weiter mit den beiden Söhnen über einen Wakeboard-Trick diskutiert. „Und jetzt habe ich alles gewonnen.“

Wer noch mehr Wakeboarding sehen will, schaut sich einfach das Nachwuchstalent Leonie Fischer auf unserem YouTube-Kanal Meine Oberpfalz an. Die Filmmaschine hat sie mit der Drohne sowie der GoPro an der Doppelleine durch den Wild Wake Park begeleitet. Hier gehts zum Video Lake Life – Wakeboarding am Steinberger See.

Zum Glück (zurück)

Steffen und Chrys Wild vom Wild Wake Park im Oberpfälzer Seenland sind Teil des Projekts "Zum Glück (zurück)". In dieser 18-teiligen Serie stellen wir Oberpfälzer vor, die ganz bewusst nach einem Blick über den Tellerrand und einer Zeit außerhalb der Region zurückgekehrt sind.

Gefördert durch Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie

Zum Glück (zurück): Protagonisten gesucht

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.

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