Rabbi Elias zurück auf göttlicher Mission: Für seine Gemeinde geht der Amberger neue Wege

Ein deutscher Rabbi kehrt selten in seine Heimatgemeinde zurück. Elias Dray schon: Für ihn war das Angebot aus Amberg ein göttliches Zeichen. Seine Mission: Die Gemeinde stärken und junge Leute für die Oberpfalz begeistern. Wie er das macht? Mit guter Musik, außergewöhnlichen Aktionen und etlichen Social-Media-Posts.

Diese Tage im Winter sind selten. Wenn der Himmel schon am Morgen strahlend blau ist und die Sonne von ihm herunterknallt, als habe sie nie etwas anderes getan. An genau so einem Tag rückt Elias seine Kippah zurecht, zieht eine Wolljacke über das zerbeulte Jackett und verlässt die Synagoge durch den Nebenausgang. „Ich muss mal meinen Kopf frei machen“, sagt der Rabbiner. „Das mache ich am besten bei einem Spaziergang.“ Bevor er die Eingangstüre hinter sich schließt und die drei Stufen nach unten auf die Straße nimmt, hält er inne. Zieht die Augenbrauen hoch, kontrolliert sämtliche Taschen, zuckt mit den Schultern und verschwindet in dem Haus der Israelitischen Kultusgemeinde an der Salzgasse. Es dauert ein paar Minuten. Dann kommt der große Mann von 42 Jahren wieder heraus. In der Hand hält er sein Smartphone. „So, jetzt aber“, sagt er und geht los.

Ein Ziel habe er nicht: „Momentan ist echt viel los bei uns, da ist es besser, wenn man sich beim Spaziergang einfach treiben lässt. Sonst muss man sich über die Wegführung auch noch Gedanken machen.“ Neben dem Alltagsgeschäft in der Israelitischen Kultusgemeinde — wie etwa den Vorbereitungen für das anstehende Chanukka-Fest — zertifiziert Elias Dray koschere Betriebe in ganz Bayern und kümmert sich um die Pläne für den Umbau der Synagoge. „Ist viel, aber das läuft schon alles“, sagt er.

Schulen für die Oberpfalz

Mit den Händen in den Jackentaschen streift er durch die Zeughausstraße, bis diese auf die Vils trifft. Elias schaut erst nach rechts gen Altstadt, dann nach links zur Allee. „Jetzt weiß ich nicht genau, ob ich lieber ins Grüne möchte, oder in die Stadt“, sagt er. „Sich treiben zu lassen, ganz ohne Ziel, ist nicht leicht — vor allem wenn man das sonst nicht macht. Das hört sich immer besser an, als es ist.“ Er entscheidet sich für die Altstadt. „Ich mag Amberg sehr“, sagt er. So sehr, dass er für das Rabbinat an seinem Geburtstort jetzt in einer Fernbeziehung lebt.

Seine Frau Sara Rivka und die drei jüngsten Kinder wohnen in Berlin, seine älteste Tochter gerade in Manchester. „Natürlich war das eine Entscheidung, die wir im Familienverbund diskutiert haben – und es war okay für alle“, so Elias. Dass er überhaupt die Möglichkeit bekommen habe, nach Amberg zurückzukehren, grenze an ein kleines Wunder: „Sicher bin ich mir nicht, aber ich meine, dass kein deutscher Rabbi in den letzten 100 Jahren in seine Heimatgemeinde zurückkehren konnte. Ich könnte da schon ein Novum sein.“

Für Elias ist es „eine von Gott gegebene Aufgabe“. Seine Mission ist klar: „Ich bin da, damit ich mich um meine eigene Heimatgemeinde kümmern kann und diese stärke. Sie muss größer werden.“ Größer würde sie auch, wenn Elias Familie in die Oberpfalz zöge, doch das scheitert an einem konkreten Umstand: „Meine Familie lebt in Berlin, weil die Kinder dort bis zum Abi eine jüdische Schule besuchen können. Das ist leider hier noch nicht der Fall“, sagt Elias. Denn ihm und seiner Frau seien nicht nur die weltlichen Studien für die eigenen Kinder wichtig, sondern auch die Religion. „Eine jüdische Schule in der Oberpfalz wäre großartig, denn das ist oftmals ein Grund, warum sich potenzielle Neu-Amberger, wie wir eben auch, letztlich doch für die Großstadt entscheiden. Diese „Schul-Sache“ könne er aber nur mit Hilfe der örtlichen Kommunen umsetzen. Bis dahin heißt es für ihn und seine Familie weiter pendeln. In Berlin ist er etwa zwei Tage in der Woche, seine Familie oft an Sabbat zu Besuch in Amberg und zu allen Festen.

Schulen sind eine Möglichkeit für die Zukunft, die Gemeinde attraktiver zu gestalten. Was aber macht der Rabbi schon jetzt? „Wir bieten Religionsunterricht für Kinder und Erwachsene, machen Reisen nach Israel oder auch in die USA mit unseren Jugendlichen. Außerdem haben wir, vielleicht weil wir eine kleine Gemeinde von nur 130 Mitgliedern sind, eine fast schon familiäre Bindung.“ Die sozialen Medien sind für Elias ein starkes Instrument, um möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass man in der Oberpfalz (jüdisch) sehr gut leben kann. „Letztlich müssen wir, wie alle anderen auch, neue Wege gehen, wenn wir junge Menschen erreichen und sie für die Religion begeistern wollen. Wir generieren Veranstaltungen speziell für sie, Musik und Tanz ist bei uns auch ein wichtiger Faktor, denn Religion soll Spaß machen. Sonst fehlt doch was.“

Freunde in der Stadt

„Hallo Eli, alles klar?“, ruft ein Amberger Stadtrat dem Rabbiner zu, als er beim Luftmuseum um die Ecke biegt. Elias nickt, richtet liebe Grüße an dessen Frau zu Hause aus und geht weiter gen Fußgängerzone: „Das liebe ich an der Kleinstadt, dass man nicht anonym ist, sondern die Menschen kennt. Ich habe viele Freunde hier.“ Das gebe einem ein Gefühl von Sicherheit – und das sei heutzutage mit dem Anstieg rechtsextremer Straftaten in Deutschland unerlässlich. Der Rabbi selbst kämpft pädagogisch gegen Antisemitismus und Islamophobie: "Wichtig ist, dass man früh genug Aufklärung betreibt und Vorurteile so erst gar nicht entstehen. Falls doch, muss man diese mit innovativen Projekten wieder abbauen .“

Wie mit seiner Initiative Meet2Respekt. Hierfür besucht Elias gemeinsam mit einem Imam und manchmal auch einem Priester Schulklassen. „Mit den Kids sprechen wir darüber, wie wichtig Respekt und Toleranz gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen sind – denn ,Liebe Deinen Nächsten’ ist in allen drei Religionen ein wichtiger Grundsatz.“

Er geht weiter die Georgenstraße hinab. Schritt für Schritt über das Kopfsteinpflaster. Plötzlich bleibt Elias stehen: „Weil wir gerade über Antisemitismus gesprochen haben“, sagt er und zeigt auf glänzende Stolpersteine am Boden. Dieses Projekt führe deutlich vor Augen, „dass genau hier Leben zerstört wurde, dass der Holocaust in der eigenen Nachbarschaft begann, nicht irgendwo weit weg. Das ist ein Teil der Vergangenheit, aber umso wichtiger für die Zukunft“, meint der Amberger. „Die Steine ermahnen mich, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Sie zeigen mir, dass ich mich für Demokratie und Toleranz in meiner Stadt einsetzen muss und radikalen Kräften niemals die Möglichkeit geben darf, wieder zu erstarken.“

Zukunft und Vergangenheit verbinden

„Jetzt läuft mir die Zeit davon. Ich gebe nämlich gleich noch Religionsunterricht und die Vorbereitungen für Chanukka laufen auf Hochtouren“, erklärt er nach einem Telefonat. Das Smartphone scheint Elias ständiger Begleiter. Wenn er es nicht ans Ohr hält, tippt er Nachrichten oder E-Mails. Er müsse immer erreichbar sein, erklärt der Rabbiner, das sei er seiner Gemeinde schuldig. Elias erzählt von Chanukka, dem Fest der Lichter, das in wenigen Tagen auch in der Amberger Synagoge gefeiert wird. Live Musik und Tanz sei dabei unerlässlich, deshalb habe er in diesem Jahr den Berliner Karsten Troyke mit Band gebucht. „Das ist ein großes Fest, da kommt die komplette Gemeinde und heuer sogar Gäste aus Marienbad zusammen.“ Auch Elias Verwandtschaft wird da sein – von der Mutter über den Onkel sowie dessen Familie aus Sulzbach-Rosenberg und natürlich auch seine eigene Frau und Kinder. (Mehr zu Chanukka im Video | Weitere Impressionen dazu im Slider)

Elias ist zurück in der Salzgasse, die drei Stufen hoch zur Haustüre hat er in einem Schritt genommen. Er greift in seine Jackentasche, holt den Schlüssel hervor uns schließt auf. „Meine Kinder sind auch gerne in der Stadt unterwegs. Es ist immer etwas ganz Besonderes, wenn ich mit ihnen durch Amberg und Sulzbach gehe und ihnen zeigen kann, wo ich aufgewachsen bin, wo ich in der Schule war oder wo ich mit meinen Freunden Fußball gespielt habe“, sagt der vierfache Vater. „Wieder zurück in Amberg zu sein bedeutet für mich auch, Vergangenheit und Zukunft zu verbinden. Das ist ein ganz tolles Gefühl.“

Zum Glück (zurück)

Rabbi Elias Dray ist Teil des Projekts "Zum Glück (zurück)". In dieser 18-teiligen Serie stellen wir Oberpfälzer vor, die ganz bewusst nach einem Blick über den Tellerrand und einer Zeit außerhalb der Region zurückgekehrt sind.

Möchtest Du auch ein Teil dieser Serie werden? Dann erfährst Du hier mehr zur Serie!

Autor/in
Autor/in Cindy Michel
Cindy ist eine gebürtige Oberpfälzerin mit Sinn für schöne Worte und Rollenspiele. Nach mehreren Jahren in Berlin ist sie in ihre Heimatstadt Amberg zurückgekehrt - und frönt dort ihrer Leidenschaft fürs Schreiben und Filmen.

Das könnte Dich auch interessieren ...